Der gradlinige und kluge Kopf der Familie - Egon Stoll-Berberich (1913 - 1973)

"Nach ihm konnte man die Uhr stellen"... "das Wort gilt"... "frag Egon"... so wären die Begriffe und Redewendungen, die man hören würde, forderte man seine Familie und Freunde auf, seine Charaktereigenschaften zu beschreiben. Egon Stoll-Berberich, bis 5. Mai 1943 Egon Berberich, wurde als Sohn des Metzgermeisters Jakob Berberich und Margarete Berberich, geb. Rische am 17. Juni 1913 in Gera geboren.

 Beschwerliche Kindheit

Seine Jugend hätte er sich bestimmt anders vorgestellt, aber vielleicht waren es all die Irrungen, Wirrungen und Rückschläge, die sein Wesen so nachhaltig beeinflussten. Der Vater verließ die Familie nach wenigen Jahren und ließ die Mutter mit ihren zwei Söhnen in Gera zurück. Man zog zur Großmutter und lebte spartanisch. Als dann auch noch sein kleiner Bruder Ernst Pau im letzten Kriegsjahr verstarb und die Mutter aufgrund ihrer Tätigkeit in der Provinzial-Pflegeanstalt in Darmstadt-Eberstadt mit ihrem Sohn nach Bensheim zog, waren die beiden auf sich gestellt.

Der Stiefvater - ein Geschenk des Himmels

So beschwerlich die ersten Jahre seines Lebens auch gewesen sein mögen, so erbaulicher war seine Jugend in Bensheim. Sein Stiefvater Joseph Stoll betrachtete das in die Ehe gebrachte Kind als sein eigenes und gab ihm all die Liebe und Fürsorge, die man sich vorstellen konnte. Egon genoß die Möglichkeiten, die seine neue Heimat ihm bot. Die Bibliothek des Hauses mit der klassischen Literatur, die Weinberge und der Odenwald mit den guten Weinen, die Sportvereine und die Schulen. Er war nicht nur sehr sportlich, sondern auch in der Schule war er gut. 1934 bestand er das Abitur und es hätten ihm alle Wege offen gestanden.
 

Alle Bewerbungen abgelehnt - Eine Notlösung

Da half auch das beste Abitur nichts, denn Anfang der 1930er Jahre herrschte wirtschaftliche und politische Unsicherheit. Sämtliche Bewerbungen, die der junge Abiturient schrieb, blieben ohne Erfolg. Die hessische Landespolizei erbarmte sich seiner und er wurde Landespolizist. Doch das lag Egon gar nicht. Der Junge wollte Abenteuer haben und die bekam er - Die neu ausgehobene Luftwaffe wurde sein neues zuhause.

Flieger, grüß mir die Sonne...

Egon hatte seine Bestimmung gefunden, denn er konnte sein sportliche Begabung und seine schnelle Auffassungsgabe voll ausleben. Vom Segelflieger, über Doppeldecker bis hin zu den schnellsten Jägern konnte er alles fliegen und daran ausbilden. Mutig, angstfrei aber nie unbesonnen und immer auf den Punkt vorbereitet, so beschreiben ihn seine Kameraden. Nebenbei findet er die Liebe seines Lebens und er heiratet 1939 seine Frau Maria. Doch das junge Glück wird auf eine harte Probe gestellt. Wenige Tage nach der Hochzeit bricht der Krieg aus. Egon sieht seine Familie nur selten, die zwei Kinder werden im Krieg geboren, seine Frau stemmt die Aufgabe der Erziehung ohne ihren Mann. Fast 5 Jahre muss er im Dauereinsatz um sein Überleben kämpfen und gerät an seine körperlichen und psychischen Grenzen. Hochdekoriert aber gezeichnet vom Krieg kehrt er im Mai zu seiner Familie zurück und kann selbst nach Beendigung der Kampfhandlungen sich seiner Freiheit nicht sicher sein. Nur die Flucht nach Bensheim bewahrt ihn vor der Kriegsgefangenschaft.

In kleinen Schritten zum "Wirtschaftswunder"

Doch auch in Bensheim steht die Welt Kopf und er kehrt in das väterliche Wohnhaus zurück, um es sich mit Flüchtlingen teilen zu müssen. Der Familie von 6 Personen stehen für mehr als 4 Jahre nur 4 Betten zur Verfügung und man teilt sich zwei kleine Räume. Immer wieder muss er neue Arbeit finden und mit viel Geschick die Familie mit dem notwendigsten versorgen. Vom Hilfskoch bei den amerikanischen Truppen (er konnte gar nicht kochen) bis hin zum Prokuristen bei Vaihinger Fruchtsäften (er war Altsprachler und mochte keine Säfte ;-) ) und Büroleiter bei einer lokalen Baufirma macht er alles. Es geht in kleinen Schritten voran.

Per patientiam ad astra...

Die neu formierte Bundeswehr will ihn haben und er wird wieder Uniformträger in der neuen Luftwaffe. Altersbedingt fliegt er nur noch privat. Er hat einen Verwaltungsposten in Köln-Wahn und er und seine Ehefrau genießen die Zeit im Rheinland. Vermutlich ist es die neu erlangte Freiheit, die beide Mitte 50 zum ersten Mal erlangen, die den Traum nach einem Eigenheim in Bensheim aufkommen lassen. Ende der 1950er wird er pensioniert, das Herz macht Probleme.

Ein eigenes Häuschen

Nach der Rückkehr nach Bensheim planen die Eheleute Egon und Maria ein modernes Eigenheim. Man plant, organisiert, baut und gestaltet, alles scheint perfekt, doch..

Aus der Traum

...das Schicksal will es anders. Kaum ist das Haus bezogen, man genießt die Freiheit und Freizeit, da stirbt im März 1973 die Mutter und weniger als zwei Monate später Egon. Ein Herzinfarkt, vermutlich als Folge der fliegerischen Belastung, ist der zweite Schicksalsschlag, den die Familie in diesem Jahr ertragen muss. Egon stirbt am 2. Mai 1973, er wir gerade einmal 59 Jahre alt.
Viele Fotografien hat Egon zurückgelassen, viele wurden von ihm angefertigt, aber leider gibt es nur wenig Filmmaterial, aufgenommen wenige Tage vor seinem Tod. Die wenigen Eindrücke sehen Sie hier:
 

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